Kategorien
Spielberichte

Tigers – Ulm

Was wäre das für eine triumphale Rückkehr in die Bundesliga gewesen? Heimsieg von David gegen Goliath, vom Aufsteiger gegen den deutschen Meister, Derbysieg vor ausverkaufter Paul Horn-Arena! Über drei Viertel konnte man als Tigers-Fan gestern träumen, dass die Rückkehr in die BBL in bester Sportschnulzen-Drehbuchmanier verlaufen würde, bis im letzten Viertel dann die Körner ausgingen und Ulm das Spiel doch noch souverän mit 84:99 nach Hause bringen konnte. Trotzdem bin ich einen Tag danach nicht enttäuscht, sondern eher vorsichtig zuversichtlich nach der starken Vorstellung der Tigers, die sich vor allem im Vergleich zum Saisonauftakt im Pokal gegen Braunschweig stark verbessert gezeigt haben und am Ende in vielerlei Hinsicht einfach zu klein waren, um die Sensation klarzumachen.

Rotation: zu kurz

Konnte man vor der Saison noch davon ausgehen, dass die Breite eine der großen Stärken des Tigers-Kaders sein würde, der durch die späte Verpflichtung von Chrissi Philipps vor allem auf den deutschen Positionen so besetzt schien, dass Danny Jansson fast eine Zwölfer-Rotation spielen konnte, sah der Saisonauftakt in dieser Hinsicht dann doch ganz anders aus. Durch die Verletzungen von Daniel Keppeler und Mateo Šerić, und die Tatsache, dass Erol Ersek weiterhin auf seinen deutschen Pass wartet und so den Import-Spot nutzen musste, den im Pokalspiel noch Zaccheus Darko-Kelly belegt hatte, traten die Tigers mit einem Zehnerkader gegen Ulm an, wobei Gianni Otto gar nicht zum Einsatz kam und Danny Jansson so effektiv eine Neuner-Rotation nutzte. Vor allem unter dem Korb machte sich das Fehlen zweier deutscher Leistungsträger mit Šerić und Keppeler bemerkbar.

Bis zum Schlussviertel konnten die Tigers bemerkenswert gut mithalten und Ulmer Läufe jeweils mit eigenen Runs beantworten. Mitte des dritten Viertels lagen die Gastgeber schon zweistellig zurück (56:68, 36. Minute), doch kamen angetrieben vor allem durch den wieder bockstarken Jhivvan Jackson gegen Ende des Spielabschnitts wieder auf einen Punkt heran (70:71). Im Schlussviertel mussten die Gastgeber ihrere intensiven Spielweise und dem dünnen Kader dann aber doch Tribut zollen: mit Kao und Krišs Helmanis waren die beiden einzigen wirklichen Bigs des Kaders schon mit vier Fouls belastet, während es den Tübinger Guards offensiv immer schwerer fiel, gegen den konstanten Ulmer Druck dagegenzuhalten. Am Ende des Spiels hatten mit Kao, Chrissi Philipps, Erol Ersek, Jhivvan Jackson und Krišs Helmanis die fünf Tigers-Spieler mit der längsten Einsatzzeit 22 ihrer verfügbaren 25 Fouls begangen, wobei Helmanis und Jackson das Ende des Spiels dann ausgefoult von der Bank aus beobachten mussten. So beendeten die zurecht platten Tigers das Spiel mit einer Siebener-Rotation und konnten außer in Person von Till-Joscha Jönke, der sich in den letzten Minuten noch einmal ein Herz nahm und seinem Ex-Club sechs Punkte einschenkte, überlegenen Ulmern nichts mehr entgegensetzen.

Unter dem Korb: zu schwach

Auch wenn die Reboundstatistik zum Ende des Spiel mit 30:40 aus Tübinger Sicht beinahe versöhnlich aussieht, war die Ulmer Dominanz unter den Brettern vor allem in der ersten Halbzeit des Spiels regelrecht erschreckend – das ganze ging zeitweise so weit, dass ich bei Ulmer Freiwürfen lieber gesehen habe, dass der zweite Versuch erfolgreich war, da ich zu große Angst vor dem Ulmer Offensivrebound hatte. Zur Halbzeitpause sah die Reboundbilanz von Tübinger Seite mit 9:21 dementsprechend düster aus. Vor allem der Tigers-Trefferquote aus der Distanz (40%, denen nur 18% auf Ulmer Seite gegenüberstanden) war zu verdanken, dass das Spiel zur Halbzeit mit 48:52 noch offen war.

Der Grund für die Tübinger Reboundunterlegenheit im ersten Spielabschnitt ist sicherlich zum einen in der Einstellung der Mannschaft zu suchen – wie mir in der Jugend schon immer eingebläut wurde, ist Rebounding zu einem großen Anteil eine Frage des richtigen Mindsets – die zur zweiten Halbzeit wohl justiert wurde, wo das Reboundduell sich dann ausgeglichen gestaltete. Trotzdem wäre es nach zwei Pflichtspielen, in denen die Tigers jeweil am Brett deutlich unterlegen waren, falsch, hier nicht auch auf die momentane Kaderzusammenstellung einzugehen. Spätestens mit der Verpflichtung Kaos war klar, dass die Tigers in dieser Saison unter dem Korb auf die Variante ‚Leichtbau‘ setzen werden und so gegen praktisch jeden Gegner in der BBL wenn nicht größenmäßig, dann zumindest kraftmäßig unterlegen sein würden – wobei die momentanen Verletzungen von Mateo Šerić und Daniel Keppeler diese Lage natürlich noch potenzieren. So bestand die Rotation der Tigers unter dem Korb gegen Ulm nur aus drei (wohlwollend so bezeichneten) nominellen Big Men: Kao (offiziell 2,08 m, 86 kg), Krišs Helmanis (2,09 m, 100 kg) und Jimmy Boeheim, der als Vierer ganze 2,03m und 98 kg mitbringt.

Schon gegen Braunschweig mit Jilson Bango war offensichtlich, dass diese Aufstellung vor allem defensiv anfällig ist und gegen die Ulmer Big Boys um die sympathischen Brecher Trevion Williams und Nicolas Bretzel, aber auch gegen athletische Flügel wie L.J. Figueroa und Karim Jallow wurde nochmal deutlich, dass der aktuelle Tigers-Kader große Probleme hat, Physis zu kontern. Williams, Figueroa und Jallow durften zu dritt ganze 28 (!) mal an die Freiwurflinie treten, was ein Freiwurf mehr ist, als das gesamte Tigers-Team nehmen durfte. Ohne Fouls konnten die Tübinger den (ehemaligen?)1 Erzrivalen unter dem Korb einfach nicht stoppen.

Zumindest in der momentanen Kaderzusammenstellung wird der Umgang mit gegnerischer Physis eine der großen Fragen sein, die der Tigers-Coaching-Staff vor den nächsten Spielen gegen Bonn und Vechta in seinen Herzen bewegen muss – selbst wenn die beiden genannten Teams bisher nicht unbedingt durch ihre Durchschlagkraft unter dem Korb glänzen. Und auch nach der Rückkehr von Šerić und Keppeler sehe ich trotz der unbestreitbaren Qualitäten der beiden keine unmittelbare Besserung in Sachen Körperlichkeit. Selbst Bakary Dibba, den ich schon kurz nach seiner Leihe nach Karlsruhe schwer vermisse, hätte zwar gestern defensiv die richtige Einstellung gebracht, aber wäre angesichts seines Körperbaus auch nicht die Patentlösung für die fehlende Durchschlagkraft unter dem Korb gewesen. So wird es sehr spannend zu sehen, wie Danny Jansson und Co. (die gegen Ulm modemäßig zum Saisonauftakt mit ihren aufeinander abgestimmten Boss-Rollkragen-Pullovern mit wunderbar billig wirkendem Gold-Aufdruck schon einmal ein absolutes Ausrufezeichen gesetzt haben) in den kommenden Spielen versuchen werden, die körperliche Unterlegenheit ihrer Mannschaft unter dem Korb auszugleichen – oder die hohe Mobilität ihres Frontcourts sogar zu einer Stärke der Mannschaft wenden können.

Selbstvertrauen: groß genug

Nach dem Heimauftakt gegen Ulm Trübsal zu blasen und die Saison abzuschreiben wäre trotz unbestreitbarer Probleme der Tigers, besonders unter dem Korb, aber mehr als ungerechtfertigt. Besonders offensiv sah das schon deutlich besser aus, als noch vor einer Woche gegen Braunschweig – vor allem in Bezug auf das Selbstvertrauen der Mannschaft. Hier setzte Erol Ersek (oder Erol Erscheck in den Worten des DYN-Kommentators), der für Zaccheus Darko-Kelly in der Kader gerückt war, direkt von Beginn an eine starke Duftmarke und hielt direkt ohne zu zögern von der Dreierlinie drauf. Bis zu seiner Auswechslung in der sechsten Minute hatte der Tigers-Guard schon dreimal aus der Distanz draufgehalten und dabei auch einmal getroffen – klar keine ganz optimale Quote, doch die Einstellung, die Würfe vom Start weg mit voller Überzeugung zu nehmen, war die absolut Richtige und setzte für die ganze Mannschaft den Ton für die weitere Partie.

Auch Jhivvan Jackson, der mir gegen Braunschweig noch zu verhalten begonnen hatte, zeigte diesmal direkt von Spielbeginn an, dass mit ihm als Scorer zu rechnen ist, beschränkte sich nicht auf den vorsichtigen Spielaufbau, sondern nahm sich die ersten beiden Würfe der Partie und setzte so den Grundstein für eine weitere hervorragende Scoring-Performance – am Ende standen für den Tigers-Guard 24 Punkte bei starken 60% aus dem Feld zu Buche. Dabei bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass das offensiv mit Abstand beste Tübinger Guard-Lineup aus Jackson in Kombination mit Aatu Kivimäki besteht – so müssen beide nicht die komplette Last des Spielaufbaus alleine tragen und schaffen Räume und Scoring-Möglichkeiten für den jeweils anderen. Ein eindrückliches Beispiel für das gemeinsame Offensivpotential der beiden Guards war der 8:0-Lauf Ende des zweiten Viertels, als die beiden innerhalb einer Minute gemeinsam 8 Punkte und einen Assist auflegten, den Rückstand ihrer Mannschaft von 38:48 auf 46:48 schraubten und so Anton Gavel in der 19. Minute zur Auszeit zwangen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Tigers – deren mangelnde Länge und Physis ich vor drei Absätzen noch laut beweint habe – es sich defensiv nicht dauerhaft leisten können, zwei Guards von 1,83 m und 1,85 nebeneinander auflaufen zu lassen. Offensiv sehe ich in diesem Duo in durch die Kombination aus Shooting, Playmaking und Drive (den dabei vor allem Jackson mitbringt) aber ein Cocktail, der viele BBL-Defensiven vor ernsthafte Probleme stellen kann.

Und wenn ich mich schon mit dem Thema des offensiven Selbstbewusstseins beschäftige, komme ich natürlich nicht darum herum, noch ein paar Worte zu Jimmy Boeheim zu verlieren, der in dieser Hinsicht bisher mein absolutes Sorgenkind im Kader war. Zwar zeigte Jimmy Buckets, wie ich ihn liebend gerne öfter nennen würde, von der Dreierlinie immer noch hin und wieder Rehkitz-ähnliche Scheu und passte den Ball für meinen Geschmack etwas zu schnell weiter, auf dem Weg zum Korb konnte er aber die guten Ansätze, die er gegen Braunschweig hatte aufblitzen lassen, weiter bestätigen und ging wiederholt auch gegen den Mann und mit Kontakt erfolgreich zum Korbleger hoch. Dazu war er auch an den Brettern engagiert und konnte in seinen nur knapp 20 Minuten Spielzeit sechs Rebounds, darunter zwei offensive (beides Tigers-Bestwert) abgreifen. Ich hoffe die Form- und vor allem Selbstvertrauenskurve zeigt hier in Zukunft noch weiter und vielleicht sogar noch etwas steiler nach oben, dann könnten wir noch große Freude an unserem Import-Forward haben.

(1): Zumindest ich verspüre beim Derby gegen ratiopharm ulm (als Teil der Corporate Identity konsequent klein zu schreiben!) schon seit langem keine ernsthafte Abneigung mehr gegen den Gegner – und habe den Eindruck, dass nicht zuletzt durch die zunehmende Anzahl an Querverbindungen der beiden Teams das Klima sich hier auch allgemein immer mehr zu einer freundlichen Rivalität wandelt. Mit Danny Jansson, Timo Lanmüller, Chrissi Philipps, Till Joscha-Jönke, Tyron McCoy und Robert Wintermantel – um nur die zu nennen, die mir spontan einfallen – gibt es auf beiden Seiten genug Akteure mit einer Vergangenheit beim jeweiligen Rivalen, um als Fan den gesamten Spieltag mit ‚Judas‘-Schreien zu verbringen. Dass das so nicht eingetreten ist, finde ich persönlich sehr angenehm. Die Tatsache, dass das Duell seit inzwischen gut einem Jahrzehnt auch längst nicht mehr auf sportlicher Augenhöhe geführt wird, wird ihr übriges getan haben, eventuell vorhandenen persönliche Animositäten weiter zu entspannen.

Kategorien
Spielberichte

Tigers – Braunschweig

Mit einer 64:78 verlieren die Tigers ihr erstes Pflichtspiel der Saison gegen die Basketball Löwen Braunschweig und scheiden direkt in der ersten Runde aus dem BBL-Pokal aus. Viel interessanter als das in der einschlägigen Medienlandschaft so gerne zitierte Duell der Raubkatzen (@Michael Körner: ein 1-gegen-1-Konflikt zwischen einem echten Tiger und einem Löwen würde vermutlich an den gewichtsmäßig überlegenen Tiger gehen, wobei der Löwe als Rudeltier vermutlich das 1-gegen-1-Duell ao auch nicht suchen würde) war für mich dabei das Aufeinandertreffen zweier Teams, die sich eine sehr ähnliche Philosophie auf die Fahnen geschrieben haben. Sowohl Braunschweig, als auch die Tigers stehen in ihrer Außendarstellung für die Entwicklung junger Talente, denen auf höchstmöglichem Niveau Vertrauen geschenkt werden soll. So stand gestern das Duell von #jungwildhungrig gegen jung-hungrig-leidenschaftlich an, wobei der Sieg der Braunschweiger letzten Endes nie wirklich gefährdet war – und den Tigers aufgezeigt wurde, dass der Sprung in die BBL doch ein ordentlicher ist.

Spielverlauf

Die Tigers starten unsicher in die Partie, defensiv bekommen sie vor allem Jilson Bango nicht in den Griff, der unter dem Tübinger Korb nach Belieben wütet und acht der ersten 14 Braunschweiger Punkte erzielt – sechs davon per Dunk. Nach viereinhalb gespielten Minuten steht es 4:14 und Danny Jansson bittet zur Auszeit. Danach – meiner Meinung nach nicht zuletzt dank der Einwechslung von Aatu Kivimäki – finden die Tübinger besser in die Partie. Krišs Helmanis‘ Drop-Defense gegen das Pick-and-Roll hilft, die Löwen vom Tübinger Korb fernzuhalten und vorne fallen endlich ein paar Würfe. In der neunten Minute steht es 17:20 und Braunschweigs erste Auszeit steht an. Unnötigerweise fangen sich die Tigers kurz vor Viertelende noch einen Korbleger von Barra Njie (der auf mich wie eine ganz exzellente Verpflichtung der Löwen wirkt), so dass nach zehn Minuten ein Stand von 17:22 die Anzeigetafel der Paul Horn-Arne ziert.

Der Start in Viertel Nummer zwei ist aus Tigers-Sicht wieder zu verhalten. Defensiv stellt der pfeilschnelle Njie die Tübinger vor große Probleme und offensiv wirkt es so, als ob bei großen Teilen des Teams eine gehörige Portion Selbsvtertrauen fehlt. So steht es in der 12. Minute 19:27 und erst jetzt fangen sich die Tigers allmählich. Endlich wird Jhivvan Jackson offensiv als Scorer tätig, aber vor allem defensiv sieht es jetzt aus wie der Tigers-Basketball der Vorsaison: engagiert, richtige Körpersprache, gelungene Kommunikation. Als Resultat kommen die Löwen kaum mehr zum Tübinger Korb und nur die wirklich schreckliche Dreierquote der Tigers hindert sie daran, in dieser Phase in Führung zu gehen. In der 16. Minute kommen die Gastgeber so auf 28:30 heran, müssen vor allem aufgrund akuter offensiver Harmlosigkeit die Löwen bis zur Halbzeitpause aber wieder auf 32:38 davonziehen lassen.

Aus der Halbzeit kommen die Tigers als die selbstbewusstere Mannschaft. Endlich nimmt sich Jimmy Boeheim auch mal ein Herz, attackiert direkt gegen Martin Peterka und kann immerhin bei einem seiner beiden Drives scoren. Zwei Minuten nach der Pause steht es 38:40, doch es ist wieder die Wurfquote der Tigers, die nur selten unter dem Korb zu guten Abschlüssen kommen und von der Dreierlinie Fahrkarte nach Fahrkarte schießen, die verhindert, dass die Tübinger die Führung erkämpfen können. Zur Viertelmitte sind es immer noch nur mickrige sechs Punkte, die unsere jungen, hungrigen und leidenschaftlichen Raubkatzen erzielt haben, so dass Braunschweig sich wieder auf 38:46 absetzen kann. Auch Timo Lanmüllers Dreier zum 41:48 (27. Minute), der nochmal kurz Hoffnung aufkommen lässt, ist nicht der erwünschte Befreiungsschlag. Zehn Minuten vor Spielende steht es so 45:57 und so langsam drängt sich die Frage auf, ob die Tigers in diesem Spiel noch die magische 60-Punkte-Schallmauer durchbrechen werden.

Das Schlussviertel beginnt mit etwas, das ich gerne schon viel früher gesehen hätte: Jhivvan Jackson beschließt, dass nun Scoring-Zeit ist und stemmt sich offensiv alleine gegen die drohende Niederlage. Zehn Tigers-Punkte in Folge gehen auf das Konto des Puerto Rican Iverson – ein Zwischenstand von 55:65 und eine Braunschweiger Auszeit sind in der 34. Minute die Folge. Danach kann Braunschweig die Jackson-Show allerdings erfolgreich unterbinden, doppelt den potentesten Tigers-Scorer sogar kurzzeitig, während bei den Tübingern scoring-mäßig niemand in die Bresche springen kann. Es ist nicht so, dass die Tigers in dieser Phase den Eindruck machen, nicht mehr zu wollen, sie können einfach nicht – was mit Ausblick auf die bevorstehende Saison vielleicht sogar das entmutigendere Zeichen ist? Spätestens mit Barra Njies sehenswertem And-One-Dunk zum 60:73 ist drei Minuten vor Abpfiff die Messe gelesen und das Tübinger Pokal-Aus besiegelt.

Was mir sonst noch relevant erscheint

  • Two-Man-Show: für weite Strecken des gestrigen Spiels waren es Krišs Helmanis und Jhivvan Jackson, die die Tigers getragen haben. Helmanis hat mich vor allem defensiv beeindruckt. Gegen seine Drop-Defense im Pick-and-Roll hatte Braunschweig immer wieder Probleme und auch gegen den physisch extrem starken Jilson Bango konnte Helmanis – bei dem zumindest ich immer wieder vergesse, dass er erst dieses Jahr 21 geworden ist – beim Rebound wirklich dagegenhalten. Jackson war hingegen die einzige zuverlässige Offensiv-Waffe der Tigers. Nach drei Vierteln, die für mich schon wieder fast zu zurückhaltend waren, drehte er im Schlussabschnitt auf und demonstrierte eindrücklich, dass er momentan der einzige wirkliche Scorer im Tigerskader ist – was er von mir aus schon viel früher hätte tun können. Statistisch steuerten Helmanis und Jackson gemeinsam 30 der 64 Tübinger Punkte, 15 der 29 Tübinger Rebounds und 6 der 15 Tigers-Assists bei – jeweils 47, 52, bzw. 40 Prozent der Gesamtausbeute ihrer Mannschaft. Diese Verteilung spricht sowohl für die starke Leistung der beiden, illustriert aber auch, wie wenig Unterstützung sie von ihren Mitspielern erhalten haben.
  • Verletzungssorgen: „Wir können über lange Strecken gut mithalten, müssen uns aber auch aufgrund der vielen Verletzungen am Ende geschlagen geben“ – so die Einordnung der Partie auf dem offiziellen Tigers-Instagram-Account. Diesem Erklärungsansatz für die Niederlage kann ich nur bedingt zustimmen, besonders da nur zwei Tigers-Akteure verletzt fehlten: Daniel Keppeler mit seiner Sprungelenksverletzung, die langwieriger zu sein scheint, als zunächst erwartet, und Mateo Šerić, dessen Rückkehr nach seinem Mittelhandbruch zumindest abzusehen zu sein scheint (auf der Tigers-Website heißt es, dass er eventuell am 21.10. gegen Heidelberg schon wieder mitwirken kann). Trotzdem konnte Danny Jansson auf eine Zwölfer-Rotation zurückgreifen, die er auch komplett nutzte – und dabei mit Erol Ersek auch noch einen siebten Import-Spieler auf der Bank sitzen hatte. Das Tigers-Statement lässt es hingegen so aussehen, dass die Niederlage am Ende Ermüdungserscheinungen aufgrund des zu dünnen Kaders geschuldet war – eine Erklärung, die ich so als unzutreffend ansehe.
  • Woher kommt die Offense? Trotzdem hat sich ein Ausfall gegen Braunschweig doch sehr bemerkbar gemacht – wäre Mateo Šerić im Kader gewesen, hätte das offensiv meines Erachtens einen Unterschied für die Tigers machen können. So fehlte der mit Abstand beste Scorer auf den deutschen Positionen, der vor allem gegen Martin Peterka auch im Post-Up hätte attackieren können und so hin und wieder den Weg zum Braunschweiger Korb gefunden hätte. Genau hier lag in meinen Augen nämlich das Problem der Tübinger Offensive: Neben Jhivvan Jackson per Drive und hin und wieder Krišs Helmanis im Post konnte sich kein Tigers-Spieler gute Abschlüsse in der Zone kreieren – ok, Kao kam zu zwei einfachen Dunks und einem Korbleger, bekam diese Abschlüsse aber von seinen Mitspielern aufgelegt und ist offensiv generell unglaublich abhängig, von den Chancen, die seine Teammates für ihn schaffen.
    Von den 33 Tübinger Versuchen aus dem Zweierbereich kamen 15 von Jackson/Helmanis (bei einer starken Trefferquote von 11/15). Der Rest des Teams wirkte auf dem Weg zum Korb entweder zu zögerlich (Grüße an Jimmy Boeheim, der sich hier im Laufe der Partie aber etwas gesteigert hat), oder fand einfach nicht die Wege, erfolgreich zu finishen, oder aber mal ein Foul zu ziehen. Der große statistische Unterschied zwischen der Tübinger und der Braunschweiger Offense bestand am Ende nicht einmal bei den Wurfquoten, sondern den Freiwurfversuchen: hier stand es 7:18 aus Tübinger Sicht. Wenn der Dreier über die Partie nur mit 25 Prozent fällt, gewinnt man so eben kein Spiel. Damit ist für mich die Offensive der Tigers zu Saisonstart das Problemthema Nummer eins – besonders gegen die Top-Teams aus Bonn und Ulm wird es spannend zu sehen, ob die Tigers vielleicht sogar mal unter 60 Punkten bleiben.
  • Tigers-Identität: Nach einer unterwältigenden Anfangsphase kam für mich die Wende im Spiel der Tigers, als in den letzten Minuten des ersten Viertels mit Aatu Kivimäki, Till-Joscha Jönke und Krišs Helmanis drei Aufstiegshelden gemeinsam auf dem Feld standen. Angetrieben nicht zuletzt durch Edelmotivator Jönke stand jetzt ein Lineup auf dem Feld, das so spielte, wie man es von letzter Saison gewohnt war: emotional, defensiv aggressiv, sich gegenseitig unterstützend und anfeuernd. Wenn die Tigers dem Abstieg entgehen wollen, müssen sie es schaffen, dieses Mindset auf die ganze Mannschaft zu übertragen. Anders als mit konstantem Vollgas ist das große Saisonziel Klassenerhalt sonst nicht zu erreichen. Hier kann und wird es sich hoffentlich auszahlen, vor allem auf den deutschen Positionen so sehr auf Kontinuität gesetzt zu haben.
  • 1402 Zuschauer:innen: Schon in der DYN-Übertragung wirkte die Stimung in der Paul Horn-Arena für mich ausbaufähig und machten mir die großen Lücken in den Sitzplatzblöcken Sorgen, doch dass mit nur 1402 Menschen die Halle zum Saisonauftakt (!) in einem KO-Spiel (!) nicht einmal halb ausgelastet war, fand ich doch sehr schockierend, als ich die offiziellen Zuschauer:innen-Statistiken gesehen habe. Es stellt sich mir dabei die Frage, ob die Menschen in Tübingen einfach nicht wussten, dass ein auf dem Papier derart attraktives Tigers-Spiel stattfindet, oder ob sie einfach kein Interesse daran hatten – was davon schlimmer wäre, kann ich gar nicht sagen. An den vorherigen Punkt anschließend glaube ich auf jeden Fall nicht daran, dass mit einem derartigen Support der Klassenerhalt machbar ist. So wie der Kader sich momentan präsentiert, muss er über Emotionen und Einsatz kommen, was in einer leeren Halle natürlich schwierig ist.